
Was wurde aus...
Kuschelrock
01/02/10
Spotlight
01/02/10Vor langer, langer Zeit, damals, als es noch kein Facebook gab, war die aktuelle Kuschelrock-Ausgabe das perfekte Valentinstagsgeschenk. Lichter aus, Kerzen an, CD rein, ein schönes Gläschen Asti Spumante und im Steh-Blues mit dem Liebsten durch die Wohnung schaukeln – einem romantischen Abend stand nichts mehr im Wege. Bei Balladen von Musikern wie Sinead O’Connor, Depeche Mode, Duran Duran, Joe Cocker, Bee Gees oder 10 CC kam dann tatsächlich „Kuschel-Stimmung“ auf.
Im Laufe der Zeit verliert der Inhalt des einstigen Aphrodisiakums aber an Schmuse-Qualität. Denn irgendwann in den bösen Neunzigern setzte die Kuschelrock-Redaktion vermehrt auf angesagte Boy- und Girlbands wie Westlife, Backstreet Boys oder Spice Girls. Die Songs passen nun eher in einen Fahrstuhl als in ein Schlafzimmer. Der musikalische Abstieg wird optisch durch die Cover unterstrichen. Früher wurden die Titel-Pärchen in schwarz/weiß abgedruckt. Am Strand, auf dem Lande oder im Wald umschlingen sich die Verliebten und schauen sich dabei tief in die Augen. Das kannte man damals von den Romantik-Postern aus der Bravo Girl!. Ab Ausgabe 11 dann erscheinen die Turteltauben plötzlich in Farbe. Zwar ändert sich an den Posen kaum etwas, trotzdem wirken die Bilder nun als würden sie aus einem DSF Werbeblock stammen. Das hatte natürlich Folgen für die Kundschaft: Kuscheln war gestern. Die CDs sind nun eher bei hysterischen 13-jährigen Boyband-Fans mit Zahnspange und Zopf zu finden.

Nichtsdestotrotz hat der Erfolg der Kuschelrock-Serie den Weg für ein ganzes Kuschel-Imperium geebnet. So erscheint nun auch regelmäßig Kuscheljazz und Kuschelklassik. Daneben werden Fanartikel wie DVDs, Textbücher, Kalender oder gar Romane unter dem Kuschelrock-Label vertrieben. Bestimmt hatte die CD-Reihe auch einen positiven Einfluss auf die Geburtenrate. Ohne Kuschelrock wären wohl während den Neunzigern weniger Kinder gezeugt worden.




